Hand aufs Herz: Wer von uns hat in den letzten zehn Jahren nicht gelernt, bei Ankündigungs-Trailern von großen Blockbustern erstmal tief durchzuatmen und das Gehirn auf ‘skeptisch’ zu schalten? Wir kennen das Spiel doch alle. Ein schicker CGI-Clip flimmert über den Screen, die Grafik sieht aus wie von einem anderen Stern, und wir fangen an zu träumen. 2020 hat uns Microsoft genau das bei State of Decay 3 serviert. Ein einsamer Überlebender im Wald, eine gruselige Zombie-Hirsch-Mutation und diese beklemmende Atmosphäre, die uns direkt ins Mark ging. Sechs Jahre später wissen wir endlich, was damals wirklich hinter der Fassade steckte – und die Antwort ist so bodenständig, dass sie fast schon wieder sympathisch ist. Phillip Holt, der Studiochef von Undead Labs, hat jetzt endlich die Katze aus dem Sack gelassen. Überraschung: Das Spiel existierte damals eigentlich nur als Idee in einer Textdatei.
Stellt euch das mal vor. Während wir alle vor dem Fernseher saßen und über mögliche Spielmechaniken mit verseuchten Wildtieren spekuliert haben, saßen bei Undead Labs gerade mal vier oder fünf Leute in einem Raum und haben überlegt, in welche Richtung das Ganze theoretisch gehen könnte. Kein Team, keine Engine-Demo, kein spielbarer Prototyp – nur ein Word-Dokument und ein Team bei Blur Studio, das den Auftrag bekam, einen verdammt gut aussehenden Trailer zusammenzuschrauben. Das ist im Grunde der Inbegriff der modernen Gaming-Industrie-PR: Wir zeigen euch, was wir gerne hätten, lange bevor wir wissen, ob wir es überhaupt bauen können. Holt war in seinem Interview mit Sunny Games da erfrischend ehrlich. Er bestätigte, dass die Zombie-Tiere, die damals für so viel Furore gesorgt haben, mittlerweile komplett gestrichen wurden. Bye-bye, Zombie-Hirsch.
Ist das jetzt enttäuschend? Sicherlich werden einige Fans, die sich auf ein innovatives Jagdsystem mit mutierten Tieren gefreut haben, jetzt leicht angefressen sein. Aber ehrlich gesagt: Mir ist ein Entwickler, der zugibt, dass er seine Vision im Laufe des Prozesses anpassen musste, tausendmal lieber als einer, der uns jahrelang ein Feature verspricht, das dann bei Release weder funktioniert noch Spaß macht. Die Nachricht, dass Undead Labs jetzt endlich Alpha-Tests startet, ist das eigentliche Highlight hier. Nach Jahren des Schweigens, in denen wir uns alle gefragt haben, ob das Projekt in der berüchtigten Entwicklungshölle verbrannt ist, gibt es nun endlich wieder ein Lebenszeichen. Wir haben zwar immer noch kein echtes Gameplay-Material, das uns aus den Socken haut, aber zumindest wissen wir, dass der Laden jetzt ernst macht. Ob wir beim kommenden Xbox-Showcase endlich echtes Material sehen? Ich lehne mich mal aus dem Fenster und sage: Wenn sie jetzt die Alpha-Türen öffnen, dann können sie nicht mehr lange hinter dem Berg halten. Ich für meinen Teil bin verhalten optimistisch – zumindest haben sie jetzt wohl mehr als nur ein Word-Dokument auf dem Rechner.


