Die Personalfluktuation bei Ubisoft erreicht ein besorgniserregendes Ausmaß: Mit dem Abschied von Benoit Richer verliert das ambitionierte Großprojekt Assassin’s Creed Hexe einen weiteren zentralen Kopf. Der Game Director, der auf eine fast zwei Jahrzehnte währende Karriere bei dem Publisher zurückblickt, verlässt das Unternehmen, um sich als Mitgründer und Game Director dem neuen Indie-Studio Servo Games zu widmen. Richers Abgang markiert bereits den vierten hochkarätigen Verlust in Ubisofts Führungsebene innerhalb von nur sechs Monaten.
Für ein Projekt, das laut internen Berichten als dasjenige Spiel gilt, an dem jeder bei Ubisoft mitarbeiten möchte, ist der Abgang von Richer nach dem Weggang von Creative Director Clint Hocking zu Jahresbeginn ein schwerer Schlag. Richers bisherige Vita bei Ubisoft war geprägt von technischer und kreativer Verantwortung, unterbrochen durch Engagements bei EA und WB Games Montreal. Dass er nun bei Servo Games auf bekannte Kollegen wie den ehemaligen Art Director Danny Marcoux (24 Jahre bei Ubisoft, Lead Artist bei Far Cry 2) und Animation Director Alex Drouin trifft, unterstreicht den massiven Brain-Drain, den das Unternehmen derzeit zu verzeichnen hat.
Der Kontext dieser Abgänge lässt sich kaum ignorieren. Seit der Etablierung der neuen Tochtergesellschaft Vantage Studios und einem großflächigen Restrukturierungsprozess zu Beginn des Jahres 2026, der auch mit massiven Entlassungen einherging, scheint das interne Gefüge instabil. Prominente Abgänge wie der des Franchise-Chefs Marc-Alexis Côté im Oktober vergangenen Jahres oder Julian Gerighty, der den Division-Bereich Richtung EA verließ, zeichnen ein Bild eines Unternehmens, das seine erfahrensten Talente nicht halten kann. Wenn die tragenden Säulen des Studios in einer solchen Frequenz wegbrechen, stellt sich die Frage, wie die langfristige Vision für Titel wie Assassin’s Creed Hexe unter dem aktuellen Management überhaupt noch kohärent umgesetzt werden kann.
Zukunft von Assassin’s Creed Hexe ungewiss
Während sich die Öffentlichkeit derzeit auf den angeblichen Glanz von Assassin’s Creed Black Flag Resynced konzentriert, bleibt die strukturelle Integrität des Entwicklerteams hinter Hexe ein kritisches Thema. Ubisoft hat sich bisher nicht offiziell dazu geäußert, wer die Nachfolge von Richer antreten wird. Die Erfahrung mit dem bereits angekündigten Nachrücker für Clint Hocking, Jean Guesdon, zeigt zwar, dass man intern versucht, Lücken zu schließen – doch die Schlagzahl der Verluste übersteigt bei weitem das Tempo, mit dem kompetenter Ersatz aufgebaut werden kann.
Positiv betrachtet könnte man argumentieren, dass der Weggang erfahrener Entwickler in die Selbstständigkeit – wie das Beispiel von Sandfall Interactive zeigt – das Potenzial für innovative, neue IP-Entwicklungen birgt, die den trägen Riesen in der Branche Konkurrenz machen. Doch für den Spieler, der ein AAA-Erlebnis aus der Assassin’s-Creed-Reihe erwartet, ist diese Entwicklung alles andere als beruhigend. Die Frage bleibt: Kann Ubisoft den Abwärtstrend beim Talentmanagement stoppen, oder wird das Studio in absehbarer Zeit nur noch eine Hülle seiner selbst sein, während die wirkliche Kreativität in kleinen Indie-Studios floriert?


